nachtplan   - Nr. 75 -    



Asylum Réalité ist das neue Dark Electro Projekt des Belgiers Jurgen De Winter, der sich im Minimal Synth Bereich bereits als Unidentified Man einen Namen gemacht hat. Minimal geht es bei Asylum Réalité ebenfalls zu, aber in einer weit schwärzeren Spielart, die an ganz frühe The Klinik und andere belgische Düsteracts jener Zeit mit viel Synthesizer Equipment erinnert. Hinter diesen Geräten tüftelt er gerade am ersten Album "Dissociative Identity", das bei Wool E Tapes als Musikkassette und Digitaldownload erscheinen soll. Dabei probiert Jurgen De Winter auch Zusammenarbeiten mit ähnlich gelagerten Musikern, wie zum Beispiel der Industrial und Electro Ambient Künstlerin Viacirca Opera (Vianne Neborow) aus Bielefeld. Ihr gemeinsamer Track "No Emotion" klingt bereits in seiner ersten Rohfassung recht spannend und ist nun hier zu hören.
/ Weblink: Asylum Réalité



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Ortrotasce ist das Synthwave Projekt des Amerikaners Nic Hamersly. Er musiziert damit seit knapp drei Jahren und blickt auf nun bereits zehn Veröffentlichungen zurück. Keine CDs, sondern Vinyl und digitale Downloads sind dabei die Formate seiner Wahl. Mit großteils authentischem Instrumentarium belebt er den dunklen Untergrundsound der 80er wieder. Die entstandenen Songs sind in der Minimalsparte anzusiedeln, in der Platten immer mal gerne astronomische Sammlerpreise erreichten. Wer mit Snowy Red, Van Kaye, Inertia oder Vice Versa etwas anfangen konnte, wird bei Ortrotasce so einige Flashbacks erleben. Wer auf schnöde Synth Pop Liedchen steht, ist bei im falsch. Hier gibt es keine aufbauenden Jubelrefrains oder kitschig romantische Feuerzeughymnen. Melancholisch und sphärisch geht es zu und die Klangqualität ist originalgetreu, als hätte es Techno nie gegeben.
Klar gibt es auch ein paar flotte Tanznummern, aber die sind dann eher schlicht gehalten und monoton treibend. Das ist für so manche Tanzfläche dennoch effizienter als das komplexeste, produktionstechnisch aufgeblasene Arrangement. Der lässige "3 vor - 3 zurück" Dunkeldisco-Tanzstil der 80er hätte zu einigen seiner Tracks prima gepasst. Im größeren Club wird seine Musik heute nicht mehr funktionieren. Aber es gibt ja auch undergroundige, kleinere Spezialveranstaltungen, die sich gezielt solcher Musik widmen. Dort sollte Ortrotasce sehr wilkommen sein. Sein aktuelles Vinyl Album "Monument Of Existence" ist gerade beim amerikanischen Label Disko Obscura erschienen. Hier dennoch das wavige "Passion" vom vorletzten Album, weil der frische Fanclip dazu so schön passt.
/ Weblink: Ortrotasce







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In diesem Jahr startete das israelische Label Malka Tuti. Da die beiden Labelgründer eigentlich aus dem Techno-House Bereich stammen, fiel die erste Veröffentlichung akustisch etwas überraschend aus. Mit gutem Willen findet man darauf eine Prise New Wave Funk, aber keinen House. Die 12" des ebenfalls debütierenden Acts XEN glänzt vorwiegend durch elektronischen Artpop. Hinter XEN steckt eine israelische Künstlerin, die bisher eher durch Multimediaprojekte in Erscheinung trat. Das Projekt Red Axes aus Tel Aviv ist an der Maxi mitbeteiligt. Damit klärt sich die Entstehung ein wenig, denn die Red Axes sind neben Housetracks auch für minimale, düstere Acidlinien und Electro Ambient Soundscapes bekannt. `Psychedelic Pop´ nennt man den musikalischen Stil der 12" beim Label. Damit kann ich leben weil es grob passt, aber wirklich hilfreich ist es leider nicht.
Wer den Blog liest, hat hoffentlich bereits bemerkt, dass ich diese ständigen Stilbezeichnungen nicht nur als Schubladen sehe, sondern als hilfreiches Mittel dafür, etwas zu beschreiben, von dem man vielleicht noch mehr hören möchte. Falls einem XEN  - deren 12" man im Techno Fachhandel finden wird - gefällt, kann man sich in den House und Trance Fächern nach mehr davon die Finger wund suchen und ein `Psychedlic Pop´ - Fach gibt es nirgends wirklich. Stattdessen beim Wunsch nach mehr davon, lieber mal im Second Hand Laden im New Wave Fach ein The Flying Lizards oder Chris & Cosey Album herausziehen. Oder in den Regalen oder unter den Web-Tags für Neuware mal bei Synthwave, Art Pop oder Cold Wave stöbern, da ist eher mal so etwas dazwischen. Aber zum `Diese Richtung vielleicht überhaupt erst einmal Gutfinden´ hier einmal der Titeltrack "Bells", aus der Debüt 12" von XEN.
/ Weblink 1Malka Tuti
/ Weblink 2Red Axes





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Zusätzliche Gitarrenwände statt "Und jetzt alle, einen Halbton höher" - Refrains zur Steigerung des Songs, ja so mag ich das. Der Act Grim Disco aus Birmingham setzt sich damit klar von seinen Britpop Landsmännern ab und erklärt die Spielart des Post Punk, die man früher schlicht Gitarrenwave nannte zur ersten Wahl. Da die Band sich selbst unter `Alternativerock´ einordnet, könnte vielleicht auch eine Ballade zur Akustikgitarre folgen. Aber mal abwarten, wie sie sich wirklich entwickeln. Ihr Debütsong "Give & Go" ist zumindest gut wavig geraten und sagt mir "Bandnamen schon mal merken und weiter beobachten".
/ Weblink: Grim Disco





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Bleiben wir noch kurz beim Post Punk. Diesen kann man gefährlich schnell mit (Brit)Pop und Rock verwechseln, wenn eine Band aus Dublin Cold Comfort heißt und sich dem, für Irland nicht unüblichen, folkloristisch angehauchten Pop Rock widmet, dann aber eine weitere Band namens Cold Comfort existiert, die aus Rivne in der Ukraine operiert und waschechten Post Punk liefert. Wenn Rivne in der Gegenwart an das britische Leeds um 1983 erinnern sollte, könnte das so einiges erklären. Denn genau so ursprünglich klingt die Band aus der Ukraine. Gitarrenchorus weit aufgerissen und treibende, meist elektronische Drums. Die seit 2012 existierende Gruppe veröffentlichte zunächst in Eigeninitiative ein Minialbum und zwei EPs und hat mittlerweile beim Moskauer Label `Materia Productions´ eine Heimat gefunden. Dieses brachte kürzlich die zweite EP "Issue de Secours" noch einmal als Musikkassette und Download heraus. Das Trio arbeitet aber bereits seit Monaten am ersten Longplayer, der noch in diesem Jahr erscheinen soll. Bis dahin, hier einmal eine recht aktuelle Liveversion ihres 2014er Titels "Bleached Bones".
(Der eigentliche Song startet hier nach 24 Sekunden `Bühnenumbau´.)
/ Weblink: Cold Comfort







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Auch ich stellte mir im letzten Jahr, beim ersten Hören des Debütalbums der französischen Band This Grey City sofort die Frage, ob die stimmliche Ähnlichkeit des Sängers zu Peter Murphy reiner Zufall ist oder ein Stilmittel um 80er Darkwave möglichst konsequent aufzugreifen und weiterzuentwickeln. Auf der Trackliste tauchte dann der Titel "Bela Is Alive" auf, womit zumindest schon einmal bestätigt wurde, dass mit This Grey City sehr große Bauhaus Fans am Werk sind. Gerade folgte ihr zweites Album und spätestens beim vierten Track "Glass Delusion" befinden wir uns wieder ganz im Bauhaus Universum. Dieser Titel wäre damals für die "Lagartija Nick" Single von Bauhaus eine bessere B-Seite gewesen, als es "Paranoia, Paranoia" war. Das sagt eigentlich schon alles. Auch der zweite Longplayer von This Grey City überzeugt zwar durchweg, aber der Act kann immer nur eine B-Ausgabe sein, toppt aber dennoch lässig viele schwächere Titel des kultigen Originals. Ältere Zeitgenossen sollten vielleicht nicht gleich "mittelmäßiger Abklatsch" rufen, auch wenn es gemessen an den guten Bauhaus Songs zweifelsohne richtig wäre. Wenn jüngere Leute über diesen Weg letztendlich doch beim Original landen, weil sie mehr von diesem Sound suchen, ist es doch eher positiv und beachtlich, dass dieser Spirit nach 30 Jahren überhaupt noch irgendwo weiterlebt. Bei dieser Betrachtung geht es aber eigentlich auch nur um die Kernstücke. This Grey City setzen viel mehr Keyboardsounds ein, als es Bauhaus je taten und bringen auch sonst moderne Formen und Wendungen in das Grundgerüst alter Schule mit ein. So auch hier beim eher relaxten Titel "Thirteen".
(Nicht bein Hören wegen des Peter Murphy Vergleichs irritieren lassen. Die Einletung des Songs stammt hier vom zweiten Sänger der Band. "Der Murphy" kommt erst später dazu.)
/ Weblink: This Grey City







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Apropos bekannter Sound der weiterlebt und erweitert wird: Circuncelion nennt sich das Projekt des Spaniers Igor Sanchez. "Carved In Waters" hieß sein Debütalbum von 2012, welches streckenweise noch etwas holperig klang, aber bereits klare Referenzen an Dead Can Dance mit Brendan Perry Gesang und die Arbeiten von Peter Bjärgö mit Arcana enthielt. Wir sprechen also über wuchtige, sehr eindringliche und an Klassik angelehnte Weltmusik. Eine schwere Gratwanderung, diesen Sound glaubhaft zu bewerkstelligen, weil man recht schnell in den Kitsch abdriften kann, der eher an Grusical, denn an Neoklassik erinnert. Dem neuen, zweiten Circuncelion Longplayer "Begotten - Forgotten" kann ich da aber ein "bestanden" bescheinigen. Igor Sanchezs Stimme hat zwar nicht das Volumen von Brendan Perry, weiß aber durch glaubhafte Leidenschaft zu packen. Ich werde Circuncelion nicht negativ als Dead Can Dance Klon bezeichnen, da ich froh bin, dass diesen Sound überhaupt noch wer so gut hinbekommt. Auch das Cover Artwork ist sehr an 4AD angelehnt, aber ähnlich den Stilbezeichnungen, über die ich vorhin sprach, kann man dies auch einfach als Merkmal sehen, um genau solche Musik überhaupt finden zu können. 

Erschienen ist das auf Vinyl gepresste Album via GH Records, welche damit erneut ihren Riecher für sehr gut produzierte düstere musikalische Landschaften bewiesen. Zum Hineinhören hier einmal der Opener "As Mist That Forsakes The Morass". Innerhalb der zweiten Steigerung (ungefähr bei 2:29) sind wir darin stimmlich sogar fast auf Brandon Perry Level.
/ Weblink: Circuncelion


 





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S∇И∇PL∆ST∆ sieht vom Image her schon sehr nach Witch House aus, aber das Einmannunternehmen aus Lissabon macht keinen. Gemeinsam ist nur die zähe Melancholie, die sich durch die Tracks zieht. Witch House Künstler nutzen dazu tiefe Ravesounds, während Sonoplasta weit experimentellere Klänge verwendet. Das reicht von schmutziger Blues-Harmonika über Drone bis hin zu jazzigen Versatzstücken aus dem Krautrock. Bereits sechs Digitalsingles bietet Sonoplasta im Bandcamp an. "K is for Kynodontas" ist eine kleine Perle für Dark Synth Freunde, die auf minimale Tribalbeats stehen. "Come Pellicole" bietet düsteren Indiefolk und mit der Single "rorriM | Mirror" gibt es diesen noch schwärzer, aber plus Referenzen an Krautrock, also schwer düster, aber auch schon ziemlich psycho. Wir hören hier einmal in "Black Gun" hinein. Falls die Macher von The Walking Dead für die nächste Staffel noch Musik suchen, hier wäre sie. Eigentlich ein klassischer Blues, zäh kriechend und unheilvoll beschwörend, aber wegen der elektronischen Instrumentierung lassen wir ihn einmal als Trip Hop durchgehen.
Die Stimme stammt vom Gastsänger Davide Gammon, womit auch das G ∆ M M ∇ И vorweg entschlüsselt wäre. Dieser sang früher in der Band Kikobusha in der "Plasta" kurzzeitig ebenfalls tätig war. Einfacher gesagt: "Die kennen sich noch von früher aus einer gemeinsamen Indie-Band".
Hier aber nun endlich S ∇ И ∇ P L ∆ S T ∆ + G ∆ M M ∇ И mit "Black Gun".




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Das britische Duo namens Plasticon ist das musikalische Kind von Jeremy Gluck und Don Tyler. Alte Analogmaschinen und neue Aufnahmetechnik füllen ihr gemeinsames, kürzlich eingerichtetes kleines Studio und bereits fünf Songs haben sie als vollendet und als veröffentlichungsreif attestiert. Ich finde es schon cool, dass Palm Zone Records die so entstandene Debüt EP "Save The Future For Today" von Plasticon auch direkt veröffentlichte, aber nur bei den Mainstream Anbietern in digitaler Form? Wer verläuft sich denn bei iTunes, eMusic und ähnlichen Konsorten zu Minimal Synth Newcomern? Aber im boomenden Retrofeld des minimalen Synthwave stehen die Chancen ja nicht schlecht, dass sich ein weiteres Label findet, welches die EP auch nochmals als CD oder Vinyl bringt. Verdient hätten sie es, dank der musikalischen Frische und der chirurgischen Präzision, mit deren Hilfe ihre Aufnahmen gut klingen aber dennoch nie überladen wirken. Das entspricht dem momentanen Zeitgeist: Qualität und Ideen ohne viel Lametta. Weniger ist oft mehr. Beeindruckt bin ich zusätzlich durch die Livequalitäten des Duos. Der hier folgende Studiotitel von der EP ist gut. Im Soundcloud Kanal des Labels (Link unten) befindet sich auch eine Liveinterpretation des Songs, die für meinen Geschmack sogar noch intensiver rüberkommt. Gibt ja nicht wirklich viele Synthwavekünstler, bei denen Live alles so gut stimmt. Außer dem Hauptaufenthaltsort ihrer Musik auf den überfüllten Friedhöfen der Streamingdienste und Dowmloadanbieter, sieht also alles schon mal richtig gut aus für Plasticon. Hier ihr Titel "Binary Mantra", der sich - wie gesagt - bei Soundcloud auch live mit etwas mehr Pfeffer finden lässt.
/ Weblink: Plasticon
 

 



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Kommen wir zum gewohnt gewagten Finale. EBM mit harten Acidlinien aus Shanghai? Man müsste meinen das könnte schwer verdaulich sein, ist es aber nicht. Ein exotischer Touch, wie ihn Cabaret Voltaire zu ihren Anfangszeiten hatten, ist an einigen Ecken zwar zu finden, aber `schlimmer´ wird es bei dem Projekt namens Tzusing dann auch nicht. Es geht also meist straight und rhythmisch zur Sache. Beinahe durchweg instrumental aber dafür gut clubbig, inklusive momentan angesagtem 80er Retro Synth Flair. Das Gute alter Welten also vereinigt: Drückende, bassintensive 80er Synthsounds plus treibende 303 Acidlinien der 90er. Die vorherigen beiden 12"s des Einmannunternehmens kamen über das New Yorker Label L.I.E.S. (Long Island Electrical Systems), die neue 12" nun per Cititrax. Dabei handelt es sich um ein Unterlabel von `Minimal Wave´, der amerikanischen Plattenfirma von Veronica Vasicka, die auch gerne als Wave Djane um die Welt jettet. "Nonlinear War" ist einer der Tracks von dieser frischen, dritten 12" und ist nun hier zu hören.
/ Weblink Tzusing
 
 



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