nachtplan   - Nr. 74 -    



Im letzten Jahr etwa um diese Zeit, stellte ich hier den Longplayer von Mondkopf vor. Nun gibt es musikalisch gesehen einen wirklich würdigen Nachfolger. Hinter dem Namen Uncrat steht der Italiener Donato Liuzzi. "Bond Unstable" heißt sein gerade erschienenes Debütalbum. Die Beats darauf hämmern schon sehr tief und heftig, dass Tags wie `power electronics´, `dark techno´ und ´tribal industrial´ beileibe sind nicht verkehrt sind. Aber die zugefügten Melodien und Sphären typischer italienischer Bauweise bereichern den Gesamtsound noch mit spannenden, cineastisch flächigen Melodien. Der passende Film dazu, könnte “Sinister“ heißen, denn wir befinden uns zwar in einem sehr einladenden, aber auch ziemlich finsteren, elektronischen Ambiente. Das Ganze wurde prima programmiert. Ich mag diese Sounds, die jemand der vom Jazz kommt macht, wenn er mal gerade keinen Jazz macht. Es klingt halt komplexer aber dennoch nie zu schräg. Tracks wie "Udeaekwa" und "Talk To Understand Each Other" erinnern sogar stark an den Katalog des Warp Labels in 1995, also als sich dieses Label auf seinem innovativen Höhepunkt befand. Einen so gut gelungenen Kontrast von Brutalo Beats und zuckersüßen, einnebelnden Düsterflächen habe ich - wie gesagt - zuletzt bei Mondkopf so gelungen gehört. Hammeralbum. Einziges, wenn auch vielleicht subjektives Manko: Eine gebrannte CD-R plus Postkarte `Limitiertes CD Release` zu nennen, fand ich vom spanischen Label Subsist leider etwas sehr `preiswert´. Zum Hineinhorchen hier der Titel "Anthropocene".
/ Weblink: Uncrat








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Spätestens seit dem 2013er Album "Tension Strategies" ist Blush Response jedem Freund düsterelektronischer Musik mindestens namentlich einmal irgendwo begegnet. Das Projekt des aus New York stammenden und in Berlin lebenden Joey Blush kann bereits auf 14 Veröffentlichungen seit 2009 zurückblicken und Nummer 15 ist gerade in Anmarsch. Die Menge klingt nach Popstar, aber der Großteil der Releases fand auf Kleinstlabels und lediglich in digitaler Form statt. Vom funkig-noisigen Elektro im Stil von Cabaret Voltaire, über düstere, instrumentale Electro Ambient Soundscapes und EBM bis zu US Industrial Marke NIN hatte er bisher so einiges sehr gelungenes im Programm. Zuletzt gab er sich technoider und harte Industrialrhythmen traten an die Stelle von `Songs´. 
Am 18 Juli gibt es also Nachschub in Form einer limitierten 4-Track Vinyl 12" mit dem Titel "Future Tyrants". Das hier bereits vorgestellte Label aufnahme + wiedergabe wird die Platte veröffentlichen. Blush Response bleiben darauf den druckvollen Industrialtracks treu und Gesang ist - zumindest in herkömmlicher Liedform - nicht zu finden. Kein Problem, denn drei der vier Titel sind für meinen Geschmack sehr gelungen. Es gibt weder sonst nirgends verwertbares Restmaterial, welches man früher "B-Seite" nannte, noch irgendwelche Remixe, die musikalisch zu Dornen werden könnten. Ich predige ja schon seit Jahren, dass Remixe eher auf die Alben der Remixer gehören, da sie dort musikalisch passender aufgehoben wären. Bei den Fans der Originalinterpreten, bilden sie meist allenfalls Suchspielchen nach Restfragmenten der ursprünglichen Songs. Aber das ist ein anderes Thema und bei der 12" wurde ja auch alles richtig gemacht. Den Titeltrack von "Future Tyrants" gibt es hier nun vorab zu erleben. 
/ Weblink: Blush Response 12"





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In Montréal formierte sich im letzten Jahr ein Projekt namens La Mécanique. Gerade legte das Duo seine bereits zweite Veröffentlichung vor. Ich muss an dieser Stelle anmerken, dass mir persönlich so richtig poppiger Synthwave gar nicht gefällt. Das war schon bei Indochine so, wurde mit Erasure nicht besser und spätestens bei Ladytron wusste ich, dass das bei mir auch nichts mehr wird. Nun kommen aber die Amateure von La Mécanique daher und machen solche Sounds und Lieder (noch) in Lo-Fi Qualität und mit grottig schlechtem Mastering. Also schon dieser übliche "Wir haben uns alle so lieb"- Pop, aber das Ganze mal klanglich in punkiger Bootlegqualität. Das gibt der Produktion Klangspitzen und Kontraste, die musikalisch zwar nicht unbedingt logisch sind, aber den Tracks angenehm die übertriebene Süße einer Popproduktion nehmen. Kurz, ich kann es mir gut anhören ohne im Kitsch zu ertrinken. Damit es nie zu flach wird, besitzen La Mécanique etwas, was Leuten, die zu lange Synthpop machen, verloren ging: Sie haben Ideen und Melodien und können sich selbst (noch) gar nicht zig Mal kopieren. Ich empfehle hier also einmal ihr zwar sehr sonniges aber dennoch leidenschaftliches Album "Digital Parade", befürchte aber aus Erfahrung, dass La Mécanique mit künftigen, größeren Produktionen im geglätteten 08/15 Synthpop von der Stange enden werden. Aber, was soll´s, noch klingen sie `fetzig´ und hier als Beweis ihr Titel "You & I".
/ Weblink: La Mécanique








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Hide nennt sich ein neues, amerikanisches Electro Industrial Duo, bestehend aus dem Elektroniker Seth Sher und der Sängerin Heather Gabel. Die beiden haben bisher lediglich den Song "Possession" veröffentlicht, besitzen aber genügend Material, mit dem sie bereits erfolgreich etliche einstündige Livekonzerte bestreiten konnten. Wer sie erlebt hat, wird ihr erstes Release aus mehreren Songs kaum erwarten können. Dieses kommt in Kürze über das Label War Crime Recordings in Chicago, welches bisher durch düster-experimentellen Post Rock des Acts Corrections House in Erscheinung trat. Passt also gut, weil ähnliches Ansinnen, aber Hide nun halt in einer elektronischeren Form. Seth Sher gibt sich viel Mühe mit der Drumprogrammierung. Die resultierenden Tribal-Beats geben ihrem Sound einen ordentlichen Gothic Touch der Marke The Creatures, Diva Destruction und Sleeping Dogs Wake. Im hier folgenden Beispieltitel "Force Red" vielleicht nicht so klar hörbar, aber gleich vier Demos in ihrem Soundcloud Kanal sprechen jene perkussive Sprache. Dafür gibt es die beiden aber im Clip in Aktion zu sehen, was zusätzlich erklärt, warum sie auch ohne viele Tonträger bereits seit etlichen Monaten ständig für Konzerte gebucht werden.
/ Weblink: Hide (Bandcamp)
/ Weblink: Hide (Soundcloud)
 




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Drag ist eine Spielart des Witch House. Jeder kennt den Begriff `Drag Queen´ und eine Theorie wäre, dass die Namensgebung für dieses Genre an die etwas zu tiefen Stimmen jener Nachtgeschöpfe angelehnt ist. Da `drag´ alleine, bereits für `Widerstand´ und `Bremse´ steht, ist diese Herkunftsdeutung aber vielleicht ähnlich schrill wie die Outfits solcher Paradiesvögel. Erreicht wird der Effekt, indem fertige Aufnahmen drastisch langsamer abgespielt, also `gebremst´ werden, heruntergepitcht, wie die Experten sagen. Wer noch Plattenspieler kennt und einmal Dolly Partons 45er Single "Jolene" auf 33 abgespielt hörte, ist diesem Effekt bereits in früheren Zeiten begegnet. Überraschender Weise klang “Jolene“ dadurch gar nicht mal lahm, sondern lediglich `anders, aber auch irgendwie gut´. Da die Witch House Künstler bekanntlich musikalische Extremisten sind, geht dieser Effekt mit einem Pitch von bis zu `minus 40 Prozent´ für meine Hörgewohnheiten leider meist viel zu weit. Ich kenne zwar die originalen Gesangsspuren - die oft aus dem Pop und Rapbereich stammen - gar nicht, was das Hören weniger irritierend machen sollte, aber mir ist es sehr oft einfach zu klebrig zäh und zeitlupenhaft lahm.
Trip Cult ist ein Musikprojekt dieser Richtung, welches nicht ganz so ins Extrem geht und daher eher an den guten alten `Jolene Effekt´ erinnert: Es wird zwar langsamer, aber auch enorm eindringlich - nicht lahmer, sondern deeper. Trip Cult gibt es seit 2008, ihre Veröffentlichungen starteten 2012 und sind bisher lediglich digital erhältlich. Eine Werkschau mit vielen bisher unveröffentlichten Titeln ist nun sogar im freien Download zu haben. Und genau dieses Gratispaket hat mich überzeugt, da nervige Pop- und Raptracks darauf sehr in den Hintergrund treten und spannende Düsterpop Experimente den Hauptanteil bilden. Hier einmal der "Slow Track", der auch schon einmal unter dem Namen "There Will Be Nothing" als Demo kursierte.
/ Weblink: Trip Cult (stream)






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Mitra Mitra ist eine sehr hübsch gemusterte Meerwasserschneckenart, die trotz ihrer Attraktivität an Stränden nur recht schwer zu finden ist. Und auch das neue, schön wavige Minimal Synth Projekt aus Wien gleichen Namens, ist an der Oberfläche nicht ganz so einfach anzutreffen. Ihr Output beschränkt sich bisher auf eine einzige Single im Bandcamp plus einiger Demos bei Soundcloud. Bei diesen Demos handelt es sich nicht etwa um irgendwelche erste Experimente, sondern um abgeschlossene Songs mit Melodien und Flächen - düster atmosphärisch und mit lässigem Damengesang. Undergroundlabel wurden daher bereits aufmerksam und man dürfte die Schnecken in Kürze zumindest schon einmal auf mehreren Compilationalben vertreten finden. Hier zum Hineinhorchen einmal ihr Titel "Indecisive Split Decision".
/ Weblink: Mitra Mitra (Bandcamp)
/ Weblink: Mitra Mitra (Soundcloud)






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Bleiben wir beim Synth Wave. Für Sammler wird der 1. Juli da ein großer, wenn auch etwas kostenintensiver Tag werden. Das spanische Label Oráculo Records veröffentlicht dann gleich 4 limitierte Vinyl 12"s, die auch gemeinsam als Box Set erhältlich sein werden. Hierbei geht es nicht um irgendein 80er Re-Release, sondern um relativ aktuelles Material der Acts Synths Versus Me, Expect Delays, Identity Theft und Agent Side Grinder, welches auf den jeweiligen Platten zu finden sein wird. Identity Theft geben sich minimal und leicht experimentell, der Rest widmet sich dem Synth Pop und selbst Agent Side Grinder schrauben ihren EBM etwas zurück und liefern recht leicht verdauliche Kost. Am clubbigsten kommen Synths Versus Me rüber, mit kernigen Stücken ihres kürzlich digital erschienenen Debütalbums "Auferstehung". Expect Delays machen als Bonbon ihren Hit Remix für den Act The Icehorse aus dem Sommer 2012 endlich auch auf einem echten Tonträger verfügbar. Und genau diesen Ohrwurm gibt es jetzt hier auch noch einmal als repräsentative Hörprobe
/ Weblink: Oráculo Records






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Die Musiker der finnischen Band Løwentsåhn Hølunder haben bestechende Ähnlichkeit mit einigen Mitgliedern der Kölner Post Punk - und Indierockband Lotus Feed. Optische Gemeinsamkeiten stehen ja für eine gewisse Affinität und somit ist es kein Wunder, dass beide Bands gerne auch mal gemeinsam touren. Das weibliche Mitglied Katjushka fällt dabei etwas aus dem Rahmen und die Bandinfo sagt dazu, sie stammt aus Nowaja Semlja. Dabei handelt es sich um das ehemalige russische Atomtestgebiet. Die recht kleine, dort noch existierende Bevölkerung ist bekannt für idyllische Ansichtskartenmotive mit Vermerken wie "Nenzen sitzen auf Rentierschlitten in sibirischer Tundra". Also, immer auf einem kleinen Ausflug dieses Völkchen und Katjushka hat es auf einem ihrer Schlittentouren wohl mal nach Lappland verschlagen, in das Studio von Løwentsåhn Hølunder, den `Leningrad Cowboys des Wave´, wie ich sie gerne heimlich nenne. 
So etwas ganz ohne gewohnte Emoticons schreiben zu müssen, ist echt hart geworden. Aber, keine Bange, Løwentsåhn Hølunder sind weit witziger als mein Geschreibsel, wie man nun endlich im Bandcamp nachhören und nachkaufen kann. "Pico-Wave" gab es schon länger und der zweite Longplayer "Micro-Wave" hat nun ihr Schaffen aus 7 Jahren komplettiert. Minmal Synth, New Wave, Cold Wave, Post Punk, NDW, alles dabei. Gerne gespickt mit satirischen Zitaten. Die Sisters Of Mercy Adaption "Mother Lapland" ist noch am einfachsten zu erkennen. Über Humor kann man schnell streiten und die Idee einer Szeneselbstironie ist nicht neu, aber immer bedenken: "Man macht nur Witze mit Dingen die man ernst nimmt, für uninteressantes und nerviges ist jede Zeit zu schade". Wenn sie also in einem Neofolksong davon singen wie langweilig Neofolk ist, dann sollte man sich nicht ernsthaft darüber aufregen. Wenn sie Neofolk wirklich hassen täten, hätten sie keinen Neofolktrack eingespielt. Wie auch immer, hier als Probe einmal ihr Song "Åsøziål", nicht in der Neofolkfassung, sondern in der wavigen Variante mit grollendem Post Punk Bass.


 






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Kein Geheimnis, dass sich auch im Bereich Alternative Rock etliches an düsterer und melancholischer Musik tummelt. Leider ist dieser Bereich kaum zu überschauen. Nehmen wir nur eine Nische daraus, den Noise Rock. Dieser splittert sich dann wieder weiter auf, in Indiepop, Psychedelic, Shoegaze, Dreampop, Post Punk und etliche andere Spielarten, die je nach Künstler zwischen den namensgebenden, lärmigen Feedback Tracks auftauchen. 
Einen kleinen aber guten Überblick, was dort in diesen Monaten so passiert, bietet nun die Kopplungsserie "Rock Back For Nepal". 
Wie der Titel richtig vermuten lässt, handelt es sich dabei um eine Benefiz-Serie für die Erdbebenopfer in Nepal. Das Label Patetico Recordings aus Philadelphia hat die Reihe ins Leben gerufen und `Volume 1´ ist jetzt erhältlich. 
Shoegaze von Sounds of Sputnik und Indiepop von Death Valley Rally geben sich darauf die Klinke in die Hand. Waviger Dreampop von Clustersun trifft auf psychedelisches von Arirang. Äußerst unwahrscheinlich, dass irgend jemandem alles gefällt, aber als Überblick was gerade so passiert, eine gute Sache. Vielleicht findet man ja eine Gesangstimme, einen Gitarrensound oder eine Atmosphäre, von der man danach mehr hören möchte. 
Für meinen Geschmack etwas unglückliche Wahl, der poppige Opener der Band SPC ECO. Deren aktuelles Album "Dark Matter" ist zumindest aus der Düsterperspektive weit interessanter. Lieber dort mal in die Songs "The Whole World Shines" oder "Creep In The Shadows" hineinhören, die eher nach Trip Hop von How To Destroy Angels oder Massive Attack klingen, als es ihr auf der Kopplung vertretene seichte Dreampoptitel je vermuten lassen könnte. Gute Songwahl dagegen für A Place To Bury Strangers. Diese klingen sehr oft wie mit "Now It's Over".
/ Weblink: Rock Back For Nepal Vol.1
/ Weblink: SPC ECO


 


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Und auch schon zum finalen Clip und Tipp. Dieser wie üblich weniger für die feinen Sinne, sondern eher als eine abschließende Dröhnung. WARD-IZ heißt das australische Retro Synth Projekt und ist hier mit einem noch unveröffentlichten Titel zu hören. Drastisch komprimierte EBM Sequenzen sind ja keine Seltenheit. Wenn dann aber anstatt der üblichen, drogig-schrillen Acidlinien, zur Melodiegebung einmal flächige John Carpenter Sounds, aufgelockert mit `Simmons Drums´ verwendet werden, dann klingt das in der Kombination wirklich neu. `Simmons Drums´ sind sehr künstlich spacig klingende Perkussionsounds, welche die gleichnamige Firma Anfang der 80er auf den Markt brachte. Diese waren eigentlich als zusätzliche Sounds für elektronische Drumsets gedacht, da aber die Sounds, die ein echtes Schlagzeug imitieren sollten, ziemlich grottig waren, wurden nur die überzogen synthetischen Bonusklänge verwendet und erreichten sogar massiven Einsatz in der Popmusik der frühen 80er. Knapp 30 Jahre waren sie verschwunden und im Zuge der 80er Retro Synth Bewegung tauchen sie nun wieder vermehrt auf. Wie eben auch hier, in einer - wie gesagt - sehr eigenen Kombination mit wuchtigem EBM. Laut machen und die Boxen wackeln lassen.
/ Weblink WARD-IZ
 
 






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